Die Ringer erobern die Stadt zurück

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Comback der olympischen Kampfsportart: Lange war es still um das Ringen, nun wird die olympische Sportart wieder populär.

Text: Lydia Lippuner, Foto: Claudio Thoma

In den USA ist es ein Schulsport, in Russland und den Ex-Sowjetstaaten eine Trendsportart, in der Schweiz geriet es in den letzten Jahren zunehmend in Vergessenheit: das Ringen. «Wir sind die Einzigen im Raum Zürich, die Ringen anbieten. Doch nebst uns gibt es rund 20 MMA-Center», sagt Rafael Perlungher, Inhaber und Trainer der Zürcher Ringerclubs in Schlieren. Er startete den Club vor drei Jahren erneut, nachdem der Zürcher Ringerclub in den 1950er-Jahren eingeschlafen war.

Ein erfahrener MMA Kämpfer lernt die Griffe im Ringen.

Zurzeit trainieren 30 Erwachsene und ebenso viele Kinder in Schlieren. Unter ihnen auch Ivan Musardo. Er ist eine Legende unter den MMA-Kämpfern und hat bereits 45 Fights hinter sich. Der Schweiss tropft ihm von der Stirn auf die orangene Matte, während er seinen Gegner aufs Kreuz zu legen versucht. «Schneller, schneller, schneller», das ist eines der wenigen Worte, das der russischstämmige Trainer Saifulla Avtorkhanov kennt. «Ich lernte Saifulla per Zufall kennen. Er kam als Migrant aus Russland in die Schweiz, nun ist er ehrenamtlicher Trainer für die Ringer», so Perlungher. Avtorkhanov war bereits mehrfacher russischer Meister im Ringen. «Er ist somit auch einer der besten Kämpfer der Schweiz», so Perlungher.

In vier Sekunden auf dem Rücken

Die beiden Kämpfer auf der Matte haben sich verkeilt. Schwer atmend halten sie einander an den Köpfen und versuchen vergeblich, sich zu Fall zu bringen. Avtorkhanov tippt dem einen auf die Schulter. Er übernimmt die Partie und es dauert kaum so lange, wie der Gegner noch einmal Luft holen kann, da liegt er bereits auf der Matte. Dies, obwohl er deutlich massiger aussieht als der Trainer. Avtorkhanov dagegen ist flink und schnell wie ein Wiesel. Auf der Matte zählt Geschicklichkeit und Ausdauer geradeso wie Kraft: «Im Ringen sind Charakterstärke und Konsequenz besonders wichtig. Wie das Wort bereits sagt, man muss sich durchringen», sagt Perlungher.

Saifulla Avtorkhanov trainiert mit den Teilnehmern des Trainings und demonstriert verschiedene Griffe und Würfe.

Um sich diese Eigenschaften anzutrainieren, haben sich in letzter Zeit auch wieder vermehrt moderne Kampfsportler wie Boxer oder MMA-Kämpfer der Mutter des Zweikampfs, dem Ringen, zugewendet. «Ringen ist die älteste olympische Sportart, die es gibt», so Perlungher. Mit seinem Club will er die Sportart wieder unter die Jugendlichen und Kinder bringen. «Immer wieder werden Kinder zu uns geschickt, die in der Schule als sogenannte Problemkinder gelten. Bei uns lernen sie, mit ihren Emotionen umzugehen», so Perlungher. Das komme jedoch nicht über die Nacht. Als Erstes müssten die Kinder dann lernen, dass die Fortschritte nicht «instant», also sofort erreicht werden können. Doch die Früchte seien klar sichtbar: «Ein guter Ringer wird beispielsweise nicht gemobbt in der Schule», so Perlungher.
Zum ersten Mal seit 50 Jahren konnte der Zürcher Ringerclub nun wieder eine Mannschaft in die Erste Liga der Schweiz senden. «Dank unseren erfahrenen Kämpfer bin zuversichtlich, dass wir nächstes Jahr den Aufstieg in die Challenge Ligue schaffen», sagt Perlungher.

«Ringen ist instinktiv»

Doch Ringen sei ganz anders als andere Sportarten. «Ringen ist etwas, was den meisten instinktiv gegeben ist. Es ist ein Sport, der tief im Verhalten der Menschen verwurzelt ist.»
Die Ringer im Training haben eine kurze Verschnaufpause. «Seit ich mit sechs Jahren den Film Rocky sah, wusste ich, dass ich kämpfen will», sagt Musardo. Seither hat er sich als MMA-Kämpfer einen Namen gemacht. Vor einigen Monaten wechselte er zu den Ringern. «Das Ringen ist technisch und hat keine Schläge», so Musardo. Das Schwierige sei für ihn aber in beiden Fällen, dass er den Fokus behalte. Um diesen nicht zu verlieren, greift er nun auf eine ganz andere Sportart zurück: «Yoga hilft mir, den Fokus zu behalten», so der 38-Jährige. Wie lange er noch kämpfen wolle, wisse er nicht, seine Gesundheit litt: «Ich brach den Orbitalknochen und verletzte beide Knie. Doch so lange es Spass macht mache ich weiter», sagt er.

Die Uhr des Trainers Avtorkhanov läuft: Er zeigt einen Wurf und ein ebenfalls russisch sprechender Ringer übersetzt die Erklärung, wie man sich am besten abrollt, um dem Griff des Kämpfers zu entkommen. Nun probieren die Männer den Wurf aus. Musardo greift schnell und hart zu. Der Trainer lacht: «Nein, halt, du bist hier zum Lernen, nicht zum Bluffen.» Er zeigt, wie die korrekte Abfolge geht und wieder fliegt ein Mann auf die Matte. Beide Schulterblätter berühren den Boden, Avtorkhanov fixiert ihn kurz und rollt sich danach weg.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 26. Oktober in der Limmattaler Zeitung.

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