Vom Balletttänzer zum Gitarrenbauer

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Der ehemalige Tänzer Nunzio Verdinero hat sich die Kunst des Gitarrenbauens selber beigebracht. Eine Ausbildung dafür gibt es nicht.

Nunzio Verdinero geht mit schwingendem Gang auf seine Werkstatt zu. In seinem schwarzen Dutt steckt ein gelber Bleistift. Im unscheinbaren Holzverschlag am Zürcher Stadtrand baut der Oberengstringer international bekannte Gitarren. «Meine erste Gitarre ging aber absolut in die Hose», sagt Verdinero. Das war vor neun Jahren. Ein Jahr zuvor hatte er gerade seinen Job als Balletttänzer an den Nagel gehängt – aus Altersgründen. Insgesamt 20 Jahre stand der heute 48-Jährige auf der Bühne.

«Eine neue Leidenschaft nach dem Ballett hatte ich noch nicht», sagt Verdinero. Nachdem er seine Tanzkarriere beendet hatte, ging er einem Brotjob nach. Er arbeitete im St. Galler Textilmuseum. Als er ein Jahr später über den Flohmarkt ging, stach ihm eine alte, aber wunderschöne Gitarre ins Auge. Er habe wohl gemerkt, dass sie ein wenig beschädigt war. «Das restauriere ich zu Hause», dachte er sich. Gesagt, getan. Verdinero griff in die Werkzeugkiste. Alle Bünde habe er abgeschliffen. Das Resultat sei denkbar unbrauchbar gewesen.

Ein Werk vieler Wochen: Nunzio Verdinero fertigt seine Gitarren ganz von Hand an.

Dieses Erlebnis spornte ihn aber an, nicht aufzugeben. Sein Umfeld reagierte mit Unverständnis: «Du spinnst!» Und «Das ist zu spät, schlicht unmöglich», sagten seine Bekannten. Diese Stimmen waren ihm jedoch nicht neu. «Der Kopf und die Zeit war anders, doch die Worte dieselben», sagt er. Im Alter von 19 Jahren erlebte er etwas Ähnliches. Damals wollte er, ohne je eine Ballettstunde genommen zu haben, die schweizerische Ballettberufsschule Zürich besuchen. Die Leute zeigten ihm den Vogel. «Ich merkte erst beim Vortanzen, dass ich wirklich nichts konnte», sagt er. Ausser, dass die Musik seinen Körper in Schwingungen versetzte. Das sah die Jury ebenfalls und so wurde er vorläufig in die Schule aufgenommen. Aus den Probemonaten wurden eine ganze Ausbildung und schliesslich eine internationale Tanzkarriere. Er habe immer gewusst: «Ich werde Tänzer oder nichts.» Nach Engagements in der Stadt Zürich, St. Gallen und Berlin zog er schliesslich vor fünf Jahren mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in eine Wohnung in Oberengstringen. Die Wohnung im Limmattal ist ein neuer Luxus für die vierköpfige Familie. «Ich geniesse die Ruhe, den Blick direkt auf die Limmat», sagt Verdinero.

Schreinerwerkstatt statt Parkett

Auch beruflich hat er sich stark verändert: «Nun bin ich statt mit der Bühne, mit einem Stück Holz zufrieden», sagt er und lächelt. Verdinero hält ein dünnes Stück Birnbaumholz in seiner Hand. Vom Wort «unmöglich», liess er sich auch dieses Mal nicht beeindrucken. Sein Unterfangen hatte nur einen Haken. Im Unterschied zur ersten Situation fand er dieses Mal niemanden, der ihn ausbilden wollte. In der Schweiz gibt es die Ausbildung Gitarrenbauer nicht. Viele Lernen es über den Geigenbau, im Ausland oder bei erfahrenen Gitarrenbauern. Nach einigen erfolglosen Bewerbungsschreiben beschloss Verdinero, den Gitarrenbau nebenher als Hobby zu betreiben. Daneben ging er weiterhin seinem Job im Textilmuseum nach. Die freien Stunden verbrachte er in der Werkstatt: Er druckte sich ein paar Baupläne aus und machte sich ans Werk. Ein Jahr später hatte er seine erste Jazz-Gitarre fertig. «Ein wenig beschämt ging ich zu einem ‹echten Gitarrenbauer› und zeigte ihm, was ich gebastelt hatte». Dieser habe über Verdineros Durchhaltevermögen gestaunt. Er zeigte ihm einige Kniffs und liess ihn in seiner Werkstatt eine Rockgitarre bauen.

Eine Geduldsarbeit die auch Kreativität erfordert: Nunzio Verdinero in seiner Werkstatt am Zürcher Stadtrand.

Doch auch die nächsten Jahre blieben beschwerlich. Fünf Jahre lang war das Gitarrenbauen für Verdinero einfach eine Leidenschaft. 2016 änderte sich dies jedoch schlagartig. Er wurde entdeckt und erhielt eine Einladung an die «Holy-Grail-Guitar Show» in Berlin. An dieser Veranstaltung treffen sich jeweils alle Gitarrenbauer mit Rang und Namen. Ein Artikel im Fachmagazin Guitar Fair Magazine verhalf ihm endgültig zum Durchbruch in der Szene. «Auf einmal bekam ich Anfragen von verschiedensten Leuten», sagt er. Einige der professionellen Gitarrenbauer, die er in Berlin kennenlernte, nahmen ihn schliesslich unter die Fittiche und führten ihn ein in die Welt der Gitarrenbauer.

Aus dem Ruhm wurde Stress

Er lernte, wie man geschäftet und auf welche Anfragen man gefasst sein muss. «Sie erklärten mir, was ich eigentlich mache», sagt Verdinero. Er lernte, wie viel seine handgearbeiteten Gitarren wert sind. Er solle sie ja nicht unter ihrem Wert verkaufen. Deshalb sind die Gitarren auf seiner Website nun mit Preisschilder von rund 5000 Franken angeschrieben. Trotz sichtbarem Erfolg: Wenn jemand Verdinero nach seinem Beruf fragt, gibt er immer noch seinen Job als Filialleiter eines Delikatessenladens an. «Schliesslich ist der Lohn jener Arbeit, mit der die Miete bezahlt wird, der aussschlaggebende», sagt er.

Ganz im Gegenteil dazu nehmen seine Werke immer grössere Bühnen ein. Momentan verbringt er Tag- und Nacht in seiner Werkstatt. «Diese drei Gitarren bringen mir noch graue Haare», sagt er mit einem Blick auf drei verschiedene Gitarrenbäuche die auf seiner Werkbank liegen. Eine von ihnen wurde von Fans des britischen Profigitarristen Peter Hammill bestellt. Diese haben sich in einer Gruppe von rund 10 000 Personen zusammengefunden und wollen dem Musiker die Gitarre zum 70. Geburtstag schenken. «Mit solch unterschiedlichen Anforderungen zu arbeiten, ist etwas ganz anderes», sagt er.

Verdinero beugt sich nun über ein Stück Fichtenholz. «Man braucht gar kein Mahagoniholz, das Einheimische ist gerade so gut.» Trockenes, hartes Fichtenholz aus Graubünden eigne sich hervorragend für den Gitarrenbau, sagt er und klopft mit Zeige- und Mittelfinger auf das geschliffene helle Holzstück. Konzentriert hört er sich den Klang an. Mittlerweile sind seine Hände routiniert. Er könne von Glück reden, dass er nicht in einer Gitarrenfirma tagtäglich am gleichen Modell arbeite. So habe er Gestaltungs- und Narrenfreiheit. Bislang baute er Jazz-, Akustik- und Rockgitarren. «Ich kann mich momentan noch nicht festlegen», sagt er. Er müsse noch ein wenig ausprobieren.

 

Dieser Artikel erschien erstmals am 4. September in der Limmattaler Zeitung.

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