Sie schuften bei brütender Hitze

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An der Dietiker Schönenwerdkreuzung arbeiten die Bauleute auf dem heissen Strassenbelag – auch bei über 30 Grad.

Text: Lydia Lippuner Foto: Chris Iseli

Ein Schild kündet es an: Noch 1400 Meter fahren. Sackgasse in 200 Metern. Beton-Absperrung. Die Baustelle an der Schönenwerdkreuzung in Dietikon fordert Geduld, Flexibilität und Nerven von Zehntausenden Automobilisten, die täglich die Strecke passieren müssen. Auf der Baustelle dagegen sieht es bereits nach Endspurt aus. Der alte Asphaltbelag wurde herausgefräst und zur Aufarbeitung wegtransportiert. Bauarbeiter stehen in leuchtend orangen Kleidern auf der schwarz flimmernden Strasse. Der Untergrund ist klebrig. Die Haftfläche soll verhindern, dass die verschiedenen Belagsschichten verrutschen. Die Arbeiter wechseln ein paar Worte in Italienisch und Portugiesisch. Ein Lastwagen aus Birmensdorf rollt an. Er bringt den 160 Grad heissen Strassenbelag. An Spitzentagen liefern die Fahrzeuge 1300 Tonnen Belag auf die Baustelle.

Die Ladefläche hebt sich und der schwarze Inhalt rutscht auf den glänzenden Belag. Die Bauarbeiter ziehen ihre Rechen über den Belag, Walzen rollen an. «Jetzt ist keine Zeit zum Reden», ruft einer seinem Kollegen zu. Der noch formbare Belag muss schnell verarbeitet werden. Die Walzenfahrer folgen einem immer gleichen Ablauf. Erst kommen die leichten Rollen, dann die mittelschweren und schliesslich die zwölf Tonnen schweren. Sie walzen so lange, bis sie keinen Abdruck auf der Strasse mehr hinterlassen. «An manchen Tagen fahre ich neun Stunden auf der Walze, ich muss dabei Musik hören, sonst würde ich einschlafen, besonders bei dieser Hitze», sagt ein Fahrer. Auch sein Kollege empfindet die Hitze im Gefährt ohne Klimaanlage als unangenehm. Doch Walzenfahren sei seit Kindheit sein Traumberuf. Unterdessen fährt er seit 20 Jahren auf den Ungetümen.

Die Vorteile der Vollsperrung

Ein anderer Mann, das T-Shirt um den Kopf drapiert, die Zigarette zwischen den Zähnen eingeklemmt, rennt mit seinem Bunsenbrenner zwischen den Walzen hin und her. Emsig hebt er die Flamme in die Höhe und dann wieder auf die Strasse an die Übergänge im flimmernden Belag. «Fugen sind die Schwachstelle der Strasse», sagt David Wyden, Projektleiter der «dsp Ingenieure & Planer AG». «Das ist auch der Vorteil einer Vollsperrung, dass wir die ganze Strassenbreite von vier Fahrspuren auf einmal einbauen können», sagt Wyden. So sei es möglich, die Strasse durchgehend ohne Längsfugen zu erstellen. 30 Zentimeter dick soll die Schicht am Ende sein. «Das ist normal für einen so stark befahrenen Verkehrsknoten», sagt Wyden. Die Strasse hat zu beiden Seiten ein Gefälle von zwei Prozent, damit das Regenwasser gut ablaufen kann.

Nicht alle sind zufrieden

Die Bauleiter sind bislang zufrieden mit dem Fortschritt des Strassenbaus. «Wir sind gut im Zeitplan», sagt Markus Bissig, Projektleiter beim kantonalen Tiefbauamt. Die eigentlichen Bauarbeiten starteten schon im März. «Wir legten die Vollsperrung extra in die Sommerferien vom Juli bis Ende August, damit wir so wenig Verkehr wie möglich behindern», sagt Bissig. Trotzdem erreichen das Tiefbauamt immer wieder Klagen. «Es gibt Leute, die meinen, im Ausland würde eine solche Kreuzung innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen umgebaut», sagt Bissig. Doch könne man das nicht eins zu eins mit der Schweiz vergleichen. Auch deshalb, weil man hierzulande ganz andere Gesetzgebungen habe. Die Anwohner werden stärker vor dem Lärm geschützt und auch die Bauarbeiter haben einen höheren Arbeitnehmerschutz. Trotzdem sei es nötig gewesen, während einiger Nächte zu arbeiten. «Doch dann verrichten wir nur Arbeiten, die wenig Lärm verursachen», so Bissig. Damit die Hitze den Bauarbeitern tagsüber nicht zu sehr zu schaffen macht, beginnen die Männer oft bereits ab halb sechs Uhr morgens mit den Arbeiten. Das bringt auch den Vorteil, dass der Belag in den kühleren Morgenstunden schneller abkühlt. Hitzefrei, wie es beispielsweise in Österreich diskutiert wird, ist ein Fremdwort auf Schweizer Baustellen: Auch deshalb, weil der Zeitplan auf der Schönenwerdkreuzung eng getaktet ist. Jede Ladung Belag, jede Strassenlampe, jede Leitung, die verlegt wird, ist geplant. Da es keine Zeit für eine Siesta gibt, wurden die Arbeiter anderweitig entlastet. «Wir machen immer wieder Wasser-Runden und nachmittags gibt es manchmal eine Glace für alle», sagt der Polier. Zudem steht den Arbeitern Sonnencreme zur Verfügung.

Die Hälfte ist angelernt

Auf der Baustelle arbeiten rund 45 Arbeiter, die Mehrheit von ihnen kommt aus Portugal. In einer Arbeitsgruppe gibt es meist etwa gleich viele Spezialisten wie angelernte Bauarbeiter. Diese kommen vielfach als Saisonniers in die Schweiz. Daneben gibt es auch einige alte Hasen, die den Betrieb schon in- und auswendig kennen. «Ich arbeite schon seit 30 Jahren auf dem Bau, deshalb weiss ich auch, dass es 2003 noch heisser war als dieses Jahr», sagt ein Bauarbeiter und stösst ein Kabel in den Boden. Kabelverlegen ist eine der vielen Arbeiten, die parallel zu den Belagsarbeiten laufen. Denn auch wenn die Strasse schon gut befahrbar aussieht, kommen noch einige Details hinzu, die erst bei näherem Hinsehen auffallen. Der Randstein muss schön abgeschlossen werden, Rohre werden unter das Trottoir verlegt und Strassenlampen aufgestellt. All das gehört zum Standard einer Strasse in der Schweiz.

Auch die Kleider der Bauarbeiter sind standardisiert: festes Schuhwerk, leuchtende Kleider. «Kurze Hosen sind erlaubt, oben ohne hingegen nicht», sagt der Bauführer Pedro Correia der Walo Bertschinger AG. Soweit die Weisung auf der Baustelle. Dass das T-Shirt auch einmal als Turban verwendet wird, scheint bei den vorherrschenden Temperaturen aber akzeptabel. «Wir sind äusserst zufrieden mit dem Einsatz der Arbeiter», sagt Wyden. Denn schliesslich ist es in aller Interesse, dass die Kreuzung pünktlich zum Dietiker Stadtfest wieder befahrbar ist.

Dieser Artikel erschien erstmals am 10. August in der Limmattaler Zeitung. 

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