Sie sass bereits mit fünf am Computer

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Monah Sorcelli will die Stadt in die Digitalisierung begleiten: Daneben managt sie vier Jobs und ein Kind.

«Hallo, ich hatte leider keine Zeit zum Essen», sagt Monah Sorcelli im lockeren Businesslook mit einem Lächeln. Es ist früher Nachmittag, Sorcelli hat eine braune Tüte mit Essen in der Hand. Diese holte sie bei einem Freund, der um die Ecke arbeitet. Es scheint, sie sei mit der halben Stadt vernetzt: Monah Sorcelli ist im Café Chrüzacher anzutreffen, sie hat den Fiirabigmärt auf dem Rapidplatz mitgegründet, hilft der Stadt mit dem Social-Media-Auftritt und hat ein Büro für digitale Nomaden eingerichtet. Nebst dem Netzwerken im realen Leben gehört auch die digitale Welt seit 31 Jahren zur gelernten Informatikerin. «Mit fünf Jahren setzte ich mich an den Mac meiner Eltern», sagt Sorcelli. Dass ihre Eltern ihr das erlaubten, sieht sie heute als Chance. So konnte sie ihre Passion entdecken. In der Oberstufe war sie besonders stark in Mathematik und Informatik: «Trotzdem empfahl man mir eine Lehre als Coiffeuse», sagt sie. Sorcelli bewarb sich in einigen Coiffeurläden, doch schliesslich entschloss sie sich, Informatikerin zu werden.

«Du denkst wie ein Computer»
Sorcelli gehörte zu jenen Mädchen, die lieber mit Jungs spielten: Später setzte sie sich erfolgreich in der eher männerdominierten IT-Szene durch. «Ich denke nicht in Boxen. Solange mir der Mensch etwas zu sagen hat, höre ich hin», sagt sie. Diese unvoreingenommene Haltung brachte sie in manche interessante Situation. So kam sie beispielsweise mit 16 Jahren, an einem Tag der offenen Tür, in einem IT-Unternehmen in einen Raum mit Dutzenden kaputten Geräten. Sie fühlte sich sofort wie zu Hause: «Ich bewaffnete mich mit einem Schraubenzieher und half dem Arbeiter, die Geräte zu reparieren», erzählt sie. Sie war wohl auch die erste Bloggerin der Schweiz, die über Technikneuheiten schrieb. Ihre erste Website setzte sie mit 16 Jahren auf. Da Bloggen damals noch nicht bekannt war, nannte sie ihren Blog «das Online-Tagebuch». Über dieses teilt sie noch heute ihre Gedanken, Tipps und Wünsche mit der digitalen Community.

«Das schönste Kompliment war, als mir jemand sagte, ich denke wie ein Computer», sagt sie. Es sei ihr lange nicht bewusst gewesen, was sie könne. Immer wieder wurde sie gerade von Kollegen dazu ermutigt, weiterzumachen und ihren Platz mutig auszufüllen. Dass sie mit sechs Jahren bereits in den Schiessverein ging, hat ihr Selbstbewusstsein wohl ebenfalls gestärkt.

Überforderung und Spass

Diese Zeiten liegen weit zurück: Heute ist Sorcelli selbst Mutter. «Das ist meine Hauptbeschäftigung», sagt sie. Für ihre fünfjährige Tochter wünscht sie sich, dass sie ebenfalls die Passion ihres Lebens findet. «Dann wird sie erfolgreich sein, egal was es ist», sagt sie. Für Sorcelli ist ihre Arbeit längst zur Passion, Motivation und zum Hobby geworden. Dass dieser Alltag leicht aus der Balance kommen kann, ist ihr bewusst. «An manchen Tagen ist mir alles zu viel», sagt sie. Doch streichen möchte sie nichts: «Denn alles macht mir Spass.» So tanzt sie zwischen Bauklötzchen, Masterarbeit, Broterwerb und ehrenamtlicher Tätigkeit durch das Leben. Notfalls hat sie zum Ausgleich vom Bildschirm noch die viereckigen Kästen auf dem Balkon. Das Urban Gardening ist die Zeit, in der sie die Verbindung zur Natur pflegt.

«‹Black Mirror› könnte wahr sein»
In ihrer Masterarbeit geht sie unter anderem der Frage nach, ob es für Menschen nicht einfacher wäre, mit Bots zu reden. Besonders im Bereich der Aufklärung für Jugendliche könnte sie sich das vorstellen. Neue Gadgets und die digitale Zukunft prägen die Welt der selbstständigen Unternehmerin. «Ich denke, manches in der Netflix-Serie ‹Black Mirror› könnte bald Realität werden, oder ist schon wahr», sagt sie. Trotz den teils düsteren Zukunftsbildern sieht Sorcelli das halb volle Glas. Das war nicht immer so: Jahrelang verfolgte sie ein «schwarzes Wölkchen», wie sie die Depressionen nach dem Tod der Mutter bezeichnet. «Geduld, Freunde und Familie haben mir über diese Zeit geholfen», sagt sie im Rückblick.

Heute ist sie so alt wie ihre Mutter, als diese zum ersten Mal Brustkrebs hatte. «Ich mache mir oft Gedanken darüber, welchen Fussabdruck ich hinterlassen will», sagt sie. Dabei sei es ihr am wichtigsten, dass sie die Leute vernetze. Bloss nicht die Leute von sich abhängig machen. «Zur Selbstständigkeit erziehen», würde sie es nennen. Möglichkeiten zum Vernetzen hat sie genug: angefangen in der eigenen Wohnung. Die dreiköpfige Familie hat zwei Mitbewohner. Einen Airbnb-Bewohner und einen digitalen Nomaden: Das sei eine Chance für alle. Ganz zu schweigen vom Netzwerk, das aus über 5400 Twitter-Followern besteht. Mit diesen teilt sie digitale Trends, Fragen und auch mal lustige Bilder.

Zum Abschied gibt es von Sorcelli einen herzlichen Händedruck – und weiter geht es. Denn die nächste Person wartet bereits auf ein Treffen mit ihr.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 22. Juni 2018 in der Limmattalerzeitung.

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