Aus #MeToo wird #WoYeShi

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Die ersten Missbrauchsvorwürfe aus China wurden laut. Wie reagiert das kommunistische Regime auf den Aufruf?

«Ich sagte ihm, bitte mach das nicht, ich bin immer noch eine Jungfrau», erinnert sich Luo Qianqian an den Vorfall vor 12 Jahren.

Ein Skandal wie der um den Filmproduzenten Harvey Weinstein könnte in China nicht passieren. Sich unangemessen gegenüber Frauen zu verhalten oder sie zu belästigen, sei gegen die chinesische Kultur und ihre Werte, schrieb «China Daily» im letzten Herbst.

Spätestens seit Anfang dieses Jahres ist dieses saubere Image nun definitiv beschmutzt. Luo Qianqian beschuldigte ihren ehemaligen Professor Chen Xiaowu, er habe sie und mindestens fünf weitere Studentinnen sexuell belästigt. Nachdem die Universität in Peking den Fall untersucht hatte, wurde der beschuldigte Professor geschasst. In der Folge schaltete sich sogar der chinesische Bildungsminister in die Diskussion ein. Er sagte, dass dem Professor der Status als Gelehrter entzogen würde. «Bei uns gilt Nulltoleranz gegenüber einem Verhalten, das die ethische Linie überschreitet oder Studenten verletzt», liess das Ministerium verlauten. Man wolle ein effizientes System errichten, um sexuelle Belästigung zu vermeiden

China tickt anders als die USA

Studenten aus ganz China wurden von Luo inspiriert und verfassten Petitionen, in denen sie Regeln forderten, die die Studenten vor Übergriffen schützen sollten. In einem Brief schlug ein Studentenkomitee sechs Schritte vor, wie sexueller Missbrauch konkret bekämpft werden könne. Huang Yizhi, eine der Mitverfasserinnen, sagte zur South China Morning Post: «#MeToo in China ist anders als in den USA. Viele der Opfer fühlen sich hier nicht sicher genug, um sich zu outen und ihre Geschichte zu erzählen.»

Bis jetzt tweeteten, anders als im Westen, noch keine chinesischen Promis unter dem Hashtag #WoYeShi. (Ich bin auch betroffen). Die meisten Aussagen wurden anonym gemacht. Deswegen war die Aussage Luos über ihre Erlebnisse auch so bemerkenswert. Sie selbst meinte, ihr Mut, sich zu äussern, rühre auch daher, dass sie jetzt in den USA lebe, wo sie vor Vergeltungsschlägen, wie sie sie in China hätte erleben können, geschützt sei.

Die Überwachung des kommunistischen Regimes hielt bis anhin viele von einer öffentlichen Aussage ab.

«Die geheime Regel hat einen Unterton, der die Opfer beschuldigt und die Manipulation der Opfer durch die Mächtigen übersieht»

Auch die sogenannte geheime Regel in den Social Media hält Opfer sexueller Gewalt davon ab, Vorwürfe zu veröffentlichen. Die geheime Regel besagt, dass sexuell belästigte Frauen keine Opfer, sondern eher Profiteure von künftigen Vorteilen seien. Das führt dazu, dass die Betroffenen Angst haben, dass man ihnen nicht glaubt. «Die geheime Regel hat einen Unterton, der die Opfer beschuldigt und die Manipulation der Opfer durch die Mächtigen übersieht», sagte die Feministin Li Sipan.

Zensur ist normal

In China ist es gang und gäbe Oppositionen harsch zu unterbinden. 2015 wurden fünf Feministinnen verhaftet, die sich trauten, Stickers gegen sexuellen Missbrauch in der U-Bahn zu verteilen. Auch heutzutage werden viele Aussagen im Internet zensiert. Manche Posts wurden gar direkt von Social-Media-Anbietern geblockt. Wechat beispielsweise, eine Instant Messaging App, erklärte, die Posts verletzten ihre Regeln. Doch allen Zensuren zum Trotz wurde der Hashtag #WoYeShi auf Weibo, dem chinesischen Pendant zu Twitter, schon rund 3,5 Millionen Mal angeklickt.

(Dieser Artikel erschien am 23.1. 2018 im Tages-Anzeiger)

 

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